Die Bücher


 

 

 

 

Venedig Polaroids

 

Verlag: Resistenz-Verlag

ISBN: 978-3-85285-161-7

 

 

Venedig Polaroids

 

Unbewusst ziehe ich meine Spuren durch diese Stadt, gelange immer wieder, auch bedingt durch die Wohnung in San Polo, an die selben Orte, die selben Plätze. Campo San Polo, und hier das Cafe Cico, ist so ein Ort. Egal ob zum Lesen, zum Schreiben oder einfach nur zum Sitzen, Schauen, Hören, Riechen sitze ich, meist um die Mittagszeit, hier. Nach dem Frühstück zuhause lese ich, bisweilen schreibe ich, kleine, kurze, mosaiksteinartige Polaroids, wie ich sie nenne, oder gehe irgendwelche Einkäufe machen, Lebensmittel meist, die Reisemitbringsel habe ich schon in der ersten Woche meines Aufenthaltes hier mit großer Freude ausgesucht und gekauft. Dann eben meine Einkehr bei Cico, und anschließend jeden Tag eine Wanderung durch die Stadt, oft mit einer kurzen oder auch längeren Fahrt mit dem Vaporetto eingeleitet oder beendet.

So habe ich sie mir erwandert, diese Stadt, die ich vor meinem jetzigen Aufenthalt hier so oft schon besucht habe, immer wieder besucht habe, in der ich mich aber immer als Tourist gefühlt habe bei diesen Kurzaufenthalten. Tourist bin ich auch jetzt, aber einer, der länger Zeit hat, nicht, wie üblich, am selben Abend oder spätestens am nächsten die Stadt wieder verlässt. Ich erlebe die Plätze, die Gassen, die kleinen Kanäle jetzt anders, bin nicht der Eroberer, der sich die Stadt zum Untertan machen will, bin jetzt, durch das Mehr an Zeit, das mir zur Verfügung steht, hier daheim. Sie lässt mich teilhaben an ihr, lässt mich meinen Blick werfen auf Dinge, die ich vorher, vielleicht aus Zeitmangel, vielleicht aus fehlender Sensibilität, nicht gesehen habe. Wieder und wieder fallen mir andere Kleinigkeiten auf, neue Details, die ich wie ein Schmetterlingssammler mit einer unsichtbaren Nadel an eine unsichtbare Pinwand hefte. Dort bleiben sie hängen, warten auf neu hinzu kommende imaginäre Bilder. Und ich wandere und sammle voller Energie diese Dinge. Am späten Nachmittag dann, wenn ich zurück komme in die Wohnung, „meine” Wohnung für viel zu kurze Zeit, lege ich mich erschöpft auf die Couch im Wohnzimmer, seh mir diese Bilder an in meinem Kopfmuseum.